Julia & Judith‘ s Feedback über HalloCiaoMaroc2011

Eine Gruppe von zwölf Jugendlichen – unter ihnen auch vier Vinzentiner – sowie zwei Betreuerinnen, ein Kameramann und der Hauptorganisator, brechen am 24. Juli 2011 in aller Früh vom Flughafen Malpensa Mailand nach Casablanca auf. Das Projekt heißt „HalloCiaoMaroc“ und geht vom Amt für Jugendarbeit aus. Hauptorganisator ist Abdelouahed – genannt Abdel – Al Abchi. In Südtirol zieht Gerda Gius die Fäden. Das Ziel des Projektes ist das Kennenlernen der Welt von Jugendlichen aus Marokko und die Entdeckung gemeinsamer Werte, jenseits von Religion und Hautfarbe. Zwei Tage Vorbereitung auf den Kulturschock gehen der Reise voraus. Ein Reisebus bringt die Jugendlichen vom Flughafen in Casablanca direkt nach Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Dort werden sie von den Mitgliedern der Partnerorganisation Bassma und deren Familien empfangen. Bei ihnen werden sie eine Woche verbringen. An jedem Vormittag dieser Woche treffen sich alle Teilnehmenden zu diversen Aktivitäten. Die andere Sprache wird gelernt, Spiele werden zusammen gespielt und das Erlebte wird miteinander besprochen. Am 31. Juli wird mit gemischten Gefühlen Abschied von der neuen Heimat genommen. Die Reisenden sind am Abend desselben Tages wieder alle wohlbehalten zuhause. Bei einem Nachbereitungstreffen Ende August werden die Erfahrungen nochmals aufgearbeitet. Nun bleibt nur noch auf den Gegenbesuch der Marokkaner zu warten, der voraussichtlich im Juli 2012 erfolgen wird.

WAS DENKT SICH EIN EUROPÄER ..?

Zimt. Fischkadaver. Stotternde Motoren. Räucherstäbchen. Pfefferminztee. Leder. Heulende Frauen. Frisch gemahlene Gewürze. Schimpfende Metzger. Trockene Luft. Klebriger Fußboden. Der Ruf des Muezzins. Muffige Teppiche. Blut. Spielende Kinder. Man riecht, man hört, man sieht. Man schmeckt. Und vor allem aber fühlt man es: Das Leben. Notizblock und Fotoapparat liegen einsatzbereit im Rucksack, aber schon bald wird uns klar, dass es aussichtslos ist, viele Fotos zu schießen und Tagebuch zu schreiben. Es ist keine mainstream-touristische Sightseeingtour. Es ist ein Feuerwerk der Sinne, ein Kopfstehen der westlichen Prinzipien und Lebensgewohnheiten. Hier muss man leben, um zu verstehen. Man kann den Augenblick hier nicht festhalten.

Was denkt sich ein Europäer, wenn es keine Buspläne gibt und er auf gut Glück warten muss, bis ein Bus vorbeifährt? Was denkt sich ein Europäer, wenn im Bad daumengroße Kakerlaken vorbeiflitzen? Was denkt sich ein Europäer, wenn er kein Klopapier auf dem stillen Örtchen vorfindet? Was denkt sich ein Europäer, der eine ganze Familie mit der Hand aus einem Teller essen sieht? Und zuletzt: Was denkt sich ein Europäer, wenn er Menschen sieht, die genau so leben und dabei glücklich sind, wahrscheinlich viel glücklicher als er selbst? Klingt vielleicht nach einem Anti-Witz. Aber es ist die unglaubliche Wahrheit.

Es war eine viel zu kurze Woche, doch wir haben uns nach wenigen Tagen auf dem riesigen Orientdiwan beinahe noch wohler gefühlt, als auf dem Ikeasofa zuhause. Erdrückendes Zeitgefühl, Stress und der Druck, besser, größer, erfolgreicher zu sein, werden auf Eis gelegt. Was zählt, ist Gemeinschaft, Gastfreundschaft und Herzlichkeit. So viel Selbsterkenntnis auf ein Mal, dass der Server beinahe überlastet ist. Unsere Gastfamilie hat uns nach zwei Tagen schon als „eigene Töchter“ bezeichnet und noch mehr so behandelt. Sie haben uns alles gegeben, was in ihren Möglichkeiten stand. So haben wir natürlich fast ausschließlich an der Schokoladenseite der neuen Kultur genascht.

Jeder der Südtiroler hat seine eigenen Erfahrungen gesammelt. Von A bis Z war alles dabei. Eine Woche lang Abenteuer und Experiment. Einatmen einer anderen Kultur und Ertasten der eigenen Grenzen. Extremreisen. Der Abschied hat weh getan. Es ist ein Hauch von Afrika, der bleibt, in uns selbst. In unseren Erinnerungen, unseren Einstellungen und unserem Ich. Und die Sehnsucht, wieder zurückzukehren, in das atemberaubende Land der Gegensätze. Nun sind wir wieder hier und halten haufenweise Fragezeichen anstatt der erhofften Antworten in unseren Händen. Wir sehen den gestressten, überarbeiteten, disziplinierten, grauen Westen, der aus Langweile und Frust über Ausländer schimpft. Aus Enttäuschung über das eigene Leben, in dem er das wahre Lebensglück nicht finden konnte. Wer sind wir? Wo sind wir? Worauf wollen wir eigentlich hinaus?

Nur eines hat sich für uns ganz klar verändert. Wenn wir auf der Straße eine Frau mit Shador oder Hennabemalung sehen, denkt wir statt des üblichen „Woher sie bloß kommt? Warum sie nie grüßt oder spricht?“ einfach:“ Hej, die sieht ja fast aus wie meine Marokko-Mami“. Und ein klitzekleines Hallo baut sofort eine Brücke. Ihr Anfang ist Offenheit und ihr Ende ein freundliches Lächeln.

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